EuroReg 2011: Von TV und Internet zu voll integrierten Angeboten Medienexperten diskutierten über Auswirkungen auf die europäische Rundfunkordnung

Ein Kreis von europäischen Medienexperten beriet im Gästehaus der Goethe-Universität zu Frankfurt am Main über die Regulierung von HbbTV (Hybrid broadcast broadband TV), Catch-up-Diensten und VoD (Video-on-Demand).

Zu rund 80 Teilnehmern sprachen unter anderem Jörg-Uwe Hahn, Hessischer Minister der Justiz, für Integration und Europa, Dr. Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Olivier Japiot, Direktor des französischen Conseil Supérieur de l'audiovisuel (CSA), Dr. Alfred Grinschgl, Geschäftsführer der österreichischen Komm Austria/RTR GmbH, Marcel Betzel, Commissariaat voor de Media (CvdM), Niederlande, Ross Biggam, Direktor der europäischen Interessenvertretung der kommerziellen Fernsehveranstalter (Association of Commercial Television in Europe - ACT) und Monica Arino, Director International Affairs der Ofcom, London.

Eröffnet wurde die EuroReg 2011 von Prof. Wolfgang Thaenert, Direktor der gastgebenden LPR Hessen mit den Worten: "Komplexe technische, wirtschaftliche und rechtliche Fragen verlangen Beurteilungen aus verschiedenen Perspektiven. Dabei verdient ein europaweiter Regulierungsansatz Vorzug vor mitgliedsstaatlichen Alleingängen."

Die Konvergenz von TV und Internet erreicht mit Connected TV eine neue Qualität auf dem Weg zu coherent media. Bereits heute sind 50 Prozent aller verkauften Endgeräte in Deutschland HbbTV-fähig, über 5,5 Millionen internetfähige Hybrid-Fernseher sind auf dem Markt. Voll integrierte Angebote wie HbbTV (Hybrid broadcast broadband TV), Catch-up-Dienste oder VoD (Video-on-Demand) sind über das TV-Endgerät abrufbar. Nur ein kleiner Teil der Zuschauer macht bislang allerdings davon Gebrauch. Deshalb waren sich die Experten einig: Erst muss das tatsächliche Nutzungsverhalten analysiert werden, ehe sachgerechte Regulierungsansätze entwickelt werden. "Wir brauchen einen White Paper-Ansatz, ein Regulierungssystem, das einfach und überzeugend für den Nutzer ist", erklärte Thaenert.

Lluís Borrell, Partner des auf Medien und Telekommunikation spezialisierten Beratungsunternehmens Analysys Mason, präsentierte anhand von Daten und Fakten die wichtigsten Veränderungen der Medienlandschaft ( Präsentation hier zum Download) . Positiv stellte Borrell heraus, dass der Weg von Internet-TV zu voll integrierten Angeboten den Rundfunkmarkt wettbewerbsfähiger gemacht habe. Nicht zuletzt auch dank schneller Breitbandverbindungen. Gleichzeitig stellten die neuen Service-Angebote die Medienregulierung vor neue Herausforderungen. Wie kann wirksamer Jugendschutz gewährleistet werden, wenn unterschiedliche Niveaus für klassisches Fernsehen und Internetdienste auf einem Bildschirm sichtbar werden? In welchem Rahmen können Urheberrechte geschützt werden und in welchem Ausmaß müssen Regulierungen getroffen werden?

Der Staatsminister des Hessischen Ministeriums der Justiz, für Integration und Europa, Jörg-Uwe Hahn, betonte, dass es auch im Internet keinen rechtsfreien Raum geben dürfe. "Ob man die DVD im Laden stiehlt oder sich den Film über einen Stream auf dem Hybrid-Fernseher ansieht, Diebstahl ist Diebstahl", fasste Hahn zusammen.

 


Dr. Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), der ab kommenden Jahr der Europabeauftragte der Landesmedienanstalten sein wird, mahnte zur Gelassenheit und setzte den Fokus auf die Bedeutung des Nutzers: "Wir erleben gerade eine spannende Zeit. Es ist wichtig, die alte Welt zu ordnen und Regulierungen für eine neue Welt zu formen. Zunächst gelte es allerdings, mehr über das Nutzerverhalten zu erfahren." Zustimmung erhielt Dr. Brautmeier von Monica Arino (Ofcom), die ebenfalls für vorsichtige Regulierungsansätze plädierte: "Wir müssen zunächst untersuchen, wie der Verbraucher sein Konsumverhalten durch Internet-TV ändert. Schon heute zeigen Umfragen, dass mobile Geräte und Internet auf Jugendliche größere Anziehungskraft ausüben als das Fernsehen." Insbesondere der Jugendschutz müsse auf die daraus resultierenden Risiken reagieren.

 

Jürgen Sewczyk, Vertreter der Deutschen TV-Plattform und ehemaliger Technischer Direktor von RTL, setzte ebenfalls auf längerfristige Nutzeranalysen: "In den nächsten Jahren wird es über personalisierte Cookies im Internet-TV zielgerichtete Werbung geben. Damit kann die Inhalteindustrie einen gröeren Umsatz erwirtschaften." Um die Zukunft des traditionellen Fernsehens müsse sich allerdings niemand Sorgen machen. Das lineare Fernsehen werde auch morgen seine Zuschauer behalten. Dr. Alfred Grinschgl (Komm Austria/RTR GmbH) stellte das Potenzial von Internet-TV in den Vordergrund. "Jede neue Plattform, jedes zeitversetzte Fernsehen sei auch ein Zugewinn für die audiovisuelle Medienindustrie und den Nutzer." Für Marcel Betzel (Commissariaat voor de Media - CvdM) war eine klare Aufteilung der Verantwortung auf Inhalteanbieter, Aggregatoren und Netzbetreiber vordringlich.

Olivier Japiot (Conseil Supérieur de l'audiovisuel (CSA) betonte ebenfalls die Schwierigkeiten einer kohärenten Regulierung: "Wir müssen über Regulierung und Co-Regulierung sprechen, die Urheberschutz und inhaltliche Grundstandards sichern." Oliver Herrgesell (RTL Group Luxembourg) brachte die Fakten aus Sicht privat-kommerzieller Fernsehveranstalter auf den Punkt: " Wir brauchen einen Ordnungsrahmen, der uns flexible Antworten auf neue Wettbewerbsverhältnisse erlaubt."

 

Im Ergebnis war sich der Expertenkreis einig: Der Wechsel von klassischem Fernsehen zu voll integrierten Angeboten muss weiterhin analysiert werden. Gefragt sind umfassende Regulierungsansätze, die den Wettbewerb linearer und non-linearer Angebote auf einem Bildschirm ausgleichen, urheberrechtlich Schutz vor unkontrollierten Einblendungen oder Signalveränderungen herstellen und ein Level-Playing-Field der Inhalteregulierung für Werbung und Jugendschutz schaffen. Dazu können technische Standardisierungen und Co-Regulierungen wichtige Beiträge leisten.

Mehr Fotos zur Veranstaltung finden Sie hier.

 


 

EuroReg, die Idee

Die Europäische Union ist ein hochkomplexes Gebilde mit einer Vielzahl unterschiedlichster Interessen und kultureller Traditionen. Das verlangt von den Mitgliedsstaaten eine hohen Aufwand an Absprachen, um möglichst mit einer Stimme aufzutreten. Die Medienindustrie, hier vor allem der audiovisuelle Bereich, ist in Europa traditionell von nationalen Interessen geprägt und stark reguliert. Dieser wird heute aber mit einem immer stärkeren globalen Wettbewerb konfrontiert, der durch das Internet weiter befeuert wird. Das verlangt mehr denn je eine zeitgemäße Medienpolitik aus einer Hand.

Die EuroReg wurde im vergangenen Jahr von dem Europabeauftragten der DLM initiiert, um die brennenden Fragen der europäischen Rundfunkregulierung, wie in diesem Jahr "Connected TV", in einem exklusiven Kreis aus Medienregulierern, TV Managern und Beratern aus europäischen Schlüsselländern zu diskutieren. Dabei konkurriert die EuroReg nicht mit der EPRA, dem Zusammenschluss der Medienregulierer in Europa. Vielmehr sollen die brennenden Fragen der Rundfunkregulierung zunächst in kleiner Runde diskutiert werden, um damit Impulse für die Problemlösung in den offiziellen Gruppen zu geben.

 


 

EuroReg 2011: Von Internet TV zu voll integrierten Angeboten - Auswirkungen auf das Europäische Rundfunkmodell

Wie wird das Fernsehen, die Programme wie auch die gesamte Industrie, in vielleicht zehn Jahren aussehen? Das ist eine grundlegende Frage.

Die meisten heute verkauften Fernsehgeräte bieten auch eine Zugangsmöglichkeit in das Internet. Immer mehr TV-Veranstalter eröffnen Angebote, in die ausgewählte Internet-Inhalte rund um die eigene Markenwelt integriert werden. Das HbbTV ist nur ein Ausschnitt einer gerade erst einsetzenden Entwicklung. Es scheint zumindest fraglich, ob sich dieser proprietäre Ansatz, der nur ausgewählte Internetinhalte zulässt, auf Dauer durchsetzen kann. Längst bieten viele Veranstalter, neben ihrer Präsenz in traditionell aufgesetzten IPTV-Bouquets, sogenannte Apps für das Smartphone oder den Tablet PC an, über die das laufende Programmangebot quasi überall gesehen werden kann. Sogenannte VoD oder CatchUp-Dienste sind längst erfolgreiche Bestandteile der Webportale der Sender.

Der offene Zugang zum Internet eröffnet allerdings nicht nur eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle, sondern führt auch zunehmend traditionelle Ansätze der Regulierung an ihre Grenzen. Als die zukünftige Rolle des Regulierers wird immer wieder die des "Enablers" genannt, also des Ermöglichers von neuen Angeboten. Das erfordert eine völlig neue Denkweise, die auch Regulierungsfragen aufwirft: Wie kann Regulierung in einem weltweit offenen Netz durchgesetzt werden? Welche Bedürfnisse der Anbieter, aber auch der Nutzer müssen dabei berücksichtigt werden? Was sind die Auswirkungen auf die kulturelle Vielfalt in Europa und nationale Regulierungsansätze?

Das sind nur einige der Fragen, die auf der EuroReg 2011 diskutiert werden.

 

Die Konferenz wird simultan auf Deutsch und Englisch übersetzt.

 

 

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